Regierender Dreifach-Staatsmeister Simon Wagner und seine Vertrauten siegen im Rebenland

Text: Noir Trawniczek

Ein schöneres „Problem“ gibt es nicht… Simon Wagner und Gerry Winter ernten im Eurosol-Skoda die Maximalpunkte – ihre extrem starken Herausforderer hatten sie dennoch stets unter Kontrolle. Was wie ein „leichtes Spiel“ aussieht, ist in Wirklichkeit genau das Gegenteil davon – das Ergebnis jahrelanger harter Arbeit unter stabilen Bedingungen.

Simon Wagner hat ein „Problem“. Tatsächlich? Ja. Und nein. Es geht um eine Art Paradoxon, die eigentlich nur sehr wenige Rennfahrer überhaupt erleben (dürfen). Man könnte auch sagen: Es ist das schönste „Problem“ in einer Rennfahrerkarriere. Dann nämlich, wenn sich Siege und auch Titel zu häufen beginnen und es wie am vergangenen Wochenende, bei der äußerst selektiven LKW Friends on the Road RebenlandRallye für den regierenden dreifachen Rallye-Staatsmeister, seinem Copiloten Gerald „Gerry“ Winter und das gesamte Team einfach nur perfekt
zu laufen scheint…


Wie ein Fels in der stürmischen Brandung, während die hoch dotierten Mitbewerber von den schwierig-schmierigen, mitunter tückischen Pisten einer nach dem anderen abgeworfen werden. Simon nickt: „Ich kenne das ja noch von früher und von außen betrachtet – da wirken manche Erfolge irgendwie spielerisch und so, als hätte man Siege und Titel in den Schoß gelegt bekommen. Doch so ist es nicht.“ Was Simon meint, zeigt ein Vergleich aus der Landwirtschaft: Was der Bauer erntet, musste er davor sähen und mit sehr viel Mühe pflegen…


Die LKW Friends on the Road Rebenland-Rallye beginnt exakt so, wie es sich die Freundinnen und Freunde des Rallyesports erhofft haben: An der Spitze tobt ein Sekundenkampf – es wird vom ersten Kilometer an ein entfesselnder Speed gefahren. Es gibt das spannende Bruder-Duell Simon versus Julian Wagner, dazu kommt der Sensationssieger der Jännerrallye, Michael Lengauer. Ein weiterer klingender Name, ExStaatsmeister Hermann Neubauer, eröffnet die am zweiten Tag folgende Ausfallsorgie gleich auf der allerersten Prüfung. Simon sagt dazu kryptisch: „Der frühe Ausfall von Hermann war Karma. Für Michael Lengauer und Julian tut es mir sehr leid – wir alle haben uns auf ein Bruderduell gefreut. Ein Wagner-Doppelsieg war durchaus möglich – vielleicht kommt er ja im Lavanttal?“

Die Stabilität
Genau hier wird die Essenz dessen, was der „Bauer“ Simon Wagner in Leutschach „geerntet“ und in den vielen Jahren zuvor gesät hat, sichtbar. Dass Simon mit seinen treuen Werbepartnern neben ausgesuchten ERC-Einsätzen die komplette ORM-Saison 2024 fixieren konnte, ist nur ein kleiner Teil dieser Essenz, doch der ist wichtig. Es geht dabei immer um Stabilität. Einst hat Willi Weber, der legendäre Manager von Michael Schumacher dem österreichischen GP2-Piloten Andi Zuber dazu geraten, auf ein Team zu setzen und mit diesem gemeinsam aufzusteigen. Fritz, der Vater von Simon und Julian, stimmt zu: „Genau das hat Simon getan: Er hat seit seiner ersten Rallye in einem Rally2-Auto auf Skoda, Michelin und das Eurosol Racing Team gesetzt – diese stabile Konstellation erlaubt es immer öfter, das Maximum aus dem Paket herauszuholen.“


Simon fügt hinzu: „Die Stabilität bringt eine Vertrautheit, in der man sich wohl fühlen kann. Im Eurosol Racing Team hat jeder seine klare Aufgabe mit dem Ingenieur und seiner Crew gehen wir immer tiefer in die Materie, aber es gibt auch die Köchin. Sie ist die Beste und macht uns immer
wieder glücklich. Wir lassen uns komplett von ihr überraschen. Mein Vater Fritz wiederum motiviert uns immer wieder, nicht zu voreilig zufrieden
zu sein. Das sind irgendwie alles Zahnräder, die ineinandergreifen. Und das Wichtigste ist für mich als Pilot der Beifahrer.“


Der Kontrollverlust
Simon präzisiert, warum die Stabilität und die Vertrautheit im engen Rallye-Cockpit ganz besonders wichtig wird: „Es ist ein ganz eigenes Gefühl und nur schwer zu beschreiben – aber wenn Gerry und ich gemeinsam in diesen Rhythmus kommen, dann sind wir in einer eigenen Welt, genießen den Flow, es ist wie in einem Rausch.“ Auf der vorletzten Freitagsprüfung kam es unbemerkt von der Öffentlichkeit zu einem dramatischen Erlebnis im Wagner/Winter-Cockpit. Simon hat diese bangen 1,5 Minuten noch genau in Erinnerung: „Wir sind bei einem Sprung recht unglücklich gelandet, sodass es auf der Beifahrerseite
einen Schlag von unten gab – und plötzlich sehe ich, wie Gerry keine Luft mehr bekommt.“ Von einem Moment auf den anderen kommt in das vom Flow und der absoluten Fahrzeugkontrolle geflutete Cockpit ein kompletter Kontrollverlust – für Simon ging es nur noch darum, dass Gerry wieder atmen kann: „Da wir ja beide fest angegurtet waren, konnte ich ja in dem Moment nichts tun, zum Glück war 200 Meter nach dem Sprung gleich das Ziel – und es dauerte für mich eine gefühlte Ewigkeit, bis Gerry wieder normal atmen konnte. Das war eine Erleichterung, die ist unbeschreiblich. Natürlich sitzt der Copilot weiter unten und der Fahrer weiß exakt, wann das Auto landet, während der Copilot bereits wieder mit der kommenden Passage im Aufschrieb beschäftigt ist. Sein Muskelkorsett wurde quasi ‚kalt‘ erwischt. Wichtig ist, dass alles gut ausgegangen ist und keinerlei Beschwerden geblieben sind.“

Die Fitmacher
Dennoch passt es gut, dass Simon Wagner neuerlich „Die Fitmacher“ als Partner gewonnen hat, dort sind unter vielen anderen auch David Schumacher, Sohn von Ralf oder Pascal Wehrlein anzutreffen. Die immer noch wachsende Präzision der Fahrwerke sorgt dafür, dass immer mehr Kräfte vom menschlichen Körper absorbiert werden müssen. Simon erklärt: „Wir haben in den Kurven zum Teil ähnlich starke G-Kräfte auf uns wirken, wie man sie aus der Formel 1 kennt – und eben Sprünge, die direkt auf uns einwirken. Es schadet also nicht, uns noch fitter zu machen.“


Die Er-Fahrung
Fehlt noch ein wichtiges Element aus der oben erwähnten Essenz – die Erfahrung. Grundsätzlich hilft es jedem Rallyefahrer am allermeisten, wenn er möglichst viel rallyefährt. Das Wort „Erfahrung“ trifft es im Deutschen zumindest gleich doppelt auf des Nagels Kopf. Auf den letzten Prüfungen, als zum Teil wieder Regen einsetzte, wurde es vielfach nötig, diagonal unterschiedliche Reifenmischungen zu fahren. In dem Fall also
wären zum Beispiel zwei Regenreifen im Gepäck ein gutes Rüstzeug. Simon sagt: „Diese diagonalen Mischungen fahren sich doch recht ungewöhnlich – ich selbst habe das zum ersten Mal vor zwei Jahren bei der Barum-Rallye eingesetzt. Es geht aber auch noch schwieriger, zum Beispiel drei Trocken- und ein Regenreifen, so hatten wir es auf SP15.“ Und wo war der eine Regenreifen zu finden? „Er war bei unserem Auto links hinten.“


Dieses Erfahren von Erfahrungen hört übrigens niemals auf – und Simon Wagner ist geradezu „gierig“ nach solchen Erkenntnissen. Simon bestätigt: „Das ist harte Arbeit, die sich aber doppelt und dreifach bezahlt machen kann.“ Diese Bereitschaft zur akribischen Testarbeit erklärt wiederum gut, warum Simon einer der Entwicklungsfahrer von Michelin ist bzw. er davor von Hossier als solcher eingesetzt wurde. Simon: „Da geht es nicht um Geld, sondern darum, dass man immer besser lernt, im richtigen Moment die richtigen Abstimmungsentscheidungen zu treffen. Und das kann über Sieg oder Niederlage entscheiden.“